Fotografieren mit dem Smartphone – wie ein Profi!

1538 Wörter und bunte 5 Minuten Lesezeit!

1. Content

Ja, sie ist wieder da! Die Zeit der Urlaubsfotos! Sorry, die Zeit der grässlich hässlichen und wirklich gruseligen Urlaubsfotos!

Und ja, es ist so einfach – das Handy rausholen, draufhalten und abdrücken – ohne jeden Sinn und Verstand!

Aber möchtest du nicht doch lieber Fotos, die man sich auch noch nach langen Jahren gerne anschaut und immer wieder hervorholt?

Eigentlich ganz einfach, doch leider mit etwas Gehirnarbeit verbunden, einfach hochhalten und abdrücken ist ab jetzt nicht mehr – du wirst ab jetzt bei deinem Foto etwas nachdenken müssen, ansonsten brauchst du nicht mehr weiterzulesen und wir verabschieden uns hier.

Und mit einem weiteren Vorurteil möchte ich aufräumen, wo ich gerade dabei bin: ‘Handyfotos’ sind immer irgendwie unscharf, verwackelt oder pixelig – nein und zum Glück Vergangenheit!

Heutige Smartphones der gehobenen Preisklasse stellen mit ihren mehrfachen Linsensystemen etwas ältere Spiegelreflexkameras in Sachen Bildqualität locker in den Schatten – und das mittlerweile auch bei schlechten Lichtverhältnissen.

Und weiter geht’s: ich habe ein wunderschönes großes Display, mit dem ich vor dem Abdrücken alle Details prima überprüfen kann – oder nach dem Abdrücken das Ergebnis detailliert beurteilen kann.

Und ich schleppe auch keine kiloschwere Ausrüstung aus Kamera und Objektiven mit mir mehr herum – ach, und mit entsprechender App kann ich mein Smartphone sogar zur Spiegelreflex aufrüsten und damit dann Blende, Belichtung und ISO wieder von Hand einstellen, wenn ich das unbedingt brauche. Also los mit deinem Smartphone!

Um was geht es hier im weiteren Text? 

Es geht zuerst nicht um die typischen Anfängertipps wie z.B. ‘Handy immer mit beiden Händen festhalten’ oder wie ‘kurz vor dem Abdrücken tief Luft holen und dann Luft anhalten’ – sowas sollte schon klar sein. Vielmehr geht es hier um die Bildkomposition, die ein wirklich gelungenes Foto ausmacht – und es gibt drei einfache Punkte, über die wir jetzt sprechen müssen: 

  • Blickführung
  • Bildaufbau
  • Hintergrund

2. Blickführung

Ja sicher, Kunst ist Kunst, Bauchgefühl, Intuition und alles ist subjektive Geschmackssache.

Und nein, es gibt allerdings gewisse Gesetzmäßigkeiten, wie unsere Wahrnehmung eben nun mal funktioniert und fertig!

So geht unser Blick über ein Bild bzw. Foto immer von links nach rechts! Wieso? Wir, also in unserem westlichen Kulturkreis jedenfalls, schreiben und lesen von links nach rechts und diese Wahrnehmungsrichtung hat sich quasi einkonditioniert.

Als Fotograf kann ich mir das jetzt zunutze machen, um eine besonders harmonische, eine dynamische oder eine irgendwie kreative Bildwirkung zu erzeugen … ach so, Gehirn einschalten und über den Punkt Bildwirkung kurz nachdenken, versteht sich.

Und weiter im bunten Galopp, ein Bild besteht am besten aus einem Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Der Vordergrund – vielleicht jetzt ein Ast, der links ins Bild ragt oder eine coole alte Straßenlaterne ganz links vorne und etwas angeschnitten im Bild – nimmt jetzt den Blick auf, führt dann weiter in die Tiefe des Bildes und zum Mittelgrund, dem eigentlichen Motiv – und der Blick läuft dann rechts mit dem Hintergrund harmonisch aus.

Oder aber man baut das Ganze andersherum auf, also von rechts nach links. Damit erzielt man ganz einfach eine etwas mehr dynamische und spannendere Bildwirkung.

Auf jeden Fall sollte man sich um diesen Vordergrund bemühen, der eben den Blick des Betrachters abholt und dem Foto Tiefe verleiht – und dafür vielleicht auch mal einige Schritte nach links oder rechts gehen und die eigene Position verändern.

Ganz anders kann ich den Bildaufbau z.B. bei einer Blumenwiese gestalten, ich fotografiere eben nur die Wiese ohne Himmel oben drüber oder Weg darunter! Sieht dann irgendwie wie eine Tapete aus, fokussiert das Motiv und wirkt irgendwie ungewöhnlich und kreativ.

Was gibt es noch? Linien! Ja genau Linien – und nein nicht nachträglich per Bildbearbeitung in dein Foto eingebaut. Schaue dich um, dein Motiv ist voller Linien – das Spiel von Licht und Schatten, Landschaft, Architektur, Bäume und Pflanzenbewuchs…

So what? Nehme einfach die kleine Mauer links von dir mit ins Bild. Die zeigt dann von unten links aus dem Vordergrund weiter schräg in die Mitte des Bildes und zeigt so auf das eigentliche Motiv bzw. Person – für eine dynamische Bildwirkung. Oder der Horizont im Hintergrund – versuche bei einer einfachen Landschaftsaufnahme den Horizont möglichst gerade bzw. waagerecht hinzubekommen – für eine besonders harmonische Bildwirkung.

Nutze also zur Blickführung diese Linien in deinem Motiv. Verändere einfach mal leicht deinen Standpunkt und schon ergibt sich vielleicht eine ganz andere Bildwirkung – wie im echten Leben halt.

Puh, also erst mal wieder runterkommen!

Und immer dran denken, der Blick geht von links nach rechts über dein Bild!

3. Bildaufbau

Ja, was wäre ein echter Fotoratgeber ohne den ‘Goldenen Schnitt’ und die nächste Gesetzmäßigkeit in unserer Wahrnehmung, die dir hilft, ein richtig cooles Foto zu produzieren.

Es geht ganz einfach um die Anordnung der Objekte in deinem Foto.

Als Goldener Schnitt wird dabei die Teilung einer Gesamtstrecke in einen größeren und kleineren Teil bezeichnet, in der dann das Verhältnis der Gesamtstrecke zum größeren Teil gleich ist wie das Verhältnis dieses größeren Teils zum kleineren Teil. Ja wirklich magic und dieses Seitenverhältnis findet sich sogar in der Natur z.B. bei Schneckenhäusern, Blüten und Blättern und wirkt irgendwie harmonisch.

Hä? So what? Ok, ganz einfach, Pi mal Daumen etwa ein Drittel. Fotografiere ich also jetzt eine Person, so eben nicht frontal in der Mitte, sondern etwas rausgerückt – eben etwa ein Drittel vom linken oder eben rechten Bildrand entfernt.

Dieses Seitenverhältnis lässt sich auch prima in der Landschaftsfotografie anwenden, also horizontal aufgeteilt etwa ein Drittel Landschaft und darüber zwei Drittel Himmel.

Für den Bildaufbau nach genau dieser Regel kannst du dir auf deinem Smartphone übrigens auch ganz einfach drei horizontale und vertikale Hilfslinien anzeigen lassen, die das Bild dann in neun gleich große Felder aufteilen!

3. Hintergrund

Ja, der Hintergrund ist oft der am wenigsten beachtete Bestandteil eines Bildes und kann doch ein ganzes Bild einfach so zerstören!

Beispiel Mittelalterfestival:

Da hast du jetzt gerade einen prachtvoll gewandeten Recken vor der Linse und im Hintergrund fährt ein Auto durch! Foto ist im Eimer, weil du nicht einfach mal fünf Sekunden gewartet hast, bis die Karre weg ist.

Oder ein grässlich hässlicher Typ schiebt gerade seinen Bierbauch durch den Hintergrund, ebenso Foto im Eimer!

Damit will ich sagen, dass dem Hintergrund genau so viel Aufmerksamkeit gebührt wie dem eigentlichen Motiv – ja der Hintergrund ist vielleicht sogar wichtiger als das eigentliche Motiv.

Ok, was geht noch? Habe ich jetzt einen richtig wuseligen Hintergrund und wird mein eigentliches Motiv davor völlig untergehen? Dann runter auf die Knie oder in die Hocke – wer sagt denn, dass fotografieren nicht auch körperlich anstrengend sein kann. Jetzt habe ich – von unten fotografiert – den Oberkörper und das Gesicht der Person vor hoffentlich strahlend blauen Himmel und nicht mehr im Gewusel des Hintergrundes.

Was geht noch? Ja genau, der Bokeh Effekt oder die Tiefenunschärfe – aus dem japanischen boke für ‘unscharf’ oder ‘verschwommen’, hört sich halt irgendwie cooler an. Möchte ich jetzt z.B. eine Blume oder Blüte möglichst dramatisch in Nahaufnahme präsentieren, so stört das ganze Grünzeugs im Hintergrund doch nur und ich lass’ dieses einfach verschwimmen.

Früher mit der Spiegelreflex ging das ganz einfach mit einer großen Blendenöffnung oder kleiner Blendenzahl. Wir erinnern uns? Blendenzahl und Blendenöffnung sind gegenläufig, genau.

Jetzt kann ich mit meiner Handyapp herumprobieren, bis es passt. Aber es geht auch viel einfacher.

Nähere dich dem Objekt deiner Begierde, geh’ aber nicht allzu nah dran. Jetzt zoomst du noch ein klein wenig, etwa 1.2 oder höchstens 1.5, nochmal kurz antippen – auf dem Bildschirm natürlich – und so fokussieren – und schon hast du dein Blümchen mit Bokeh Effekt bzw. verschwommenen Hintergrund im Kasten! Experimentiere da einfach etwas rum, aber generell funktioniert der Trick und überredet dein Smartphone zu grosser Blende mit Bokeh im Hintergrund.

Ganz große Show ist natürlich Bokeh im Vordergrund – genau, eben die etwas angeschnittene Laterne ganz links im Bild und jetzt leicht verschwommen. Hier musst du auch wieder ganz einfach mit leichtem Zoom und verändertem Standpunkt herumexperimentieren.

4. Format

Ach so, und ein ganz wichtiger Punkt noch zum Format!

Vermeide auf jeden Fall das typische 16:9 hochkant Handyformat, so etwas sieht immer irgendwie nach Insta oder fazebook aus!

In einer entsprechenden App läßt sich z.B. auch das klassische 4:3 Seitenverhältnis einstellen oder du musst später nochmal in der Bildbearbeitung ran, nur kein 16.9 …

5. Zusammenfassung

So, was haben wir jetzt gelernt für ein Foto, das man sich auch noch nach langen Jahren gerne anschaut und immer wieder hervorholt?

  • baue Vorder-, Mittel- und Hintergrund in dein Bild ein

  • setze die natürlichen Linien – das Spiel von Licht und Schatten, Architektur usw. – in deinem Motiv gezielt zur Blickführung ein

  • der Blick geht immer von links nach rechts über das Bild

  • denke an den ‘Goldenen Schnitt’

  • schenke dem Hintergrund besondere Beachtung

  • Blümchenfotos nur mit mit Bokeh

  • und bewege dich, ändere deinen Standpunkt oder geh’ auch mal runter auf die Knie! … hilft oft auch im echten Leben

Ja ok … und Kunst ist immer noch Kunst, Bauchgefühl, Intuition – aber Wahrnehmung ist immer noch Wahrnehmung und folgt eben komischen Gesetzmäßigkeiten.

Experimentiere einfach etwas rum, behalte die Punkte oben im Hinterkopf und versuche noch so etwas wie deinen persönlichen frischen Style in die ganze Sache zu bekommen!

So, jetzt aber los mit deinem Smartphone raus in die Stadt oder in den Park und alles mal ausprobieren – und ab jetzt keine gruseligen Schnappschüsse mehr!

Viel Spaß!

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